Ausstellung „Espresciuns Ladines“

im Rahmen der Ladinischen Wochen in Meran „Maran incunta la Ladinia“

Programm: Maran incunta la Ladinia

Ausstellung kuriert von Katharina Moling, Museum Ladin

ZWISCHEN WORT UND KÖRPER
Ein Parcours, der durch die ständige Sammlung eines öffentlichen Museums führt, kann nicht geradlinig sein: unzählig sind die Möglichkeiten seines (geistigen wie physischen) Verlaufs. Oft beschert er uns unerwartete Entdeckungen, unerhörte Assonanzen oder unvorhersehbare Dissonanzen. Das heutige Experiment steht nicht im Widerspruch zu dem einem Wünschelrutengang ähnlichen Abenteuer, das seinen Lauf nimmt, sooft ein Kurator freien Zugang zum Depot eines Museums erhält. In diesem Fall geht es ums Museum Ladin Ciastel de Tor. Was sich hier im Laufe der Jahre auch dank der weitsichtigen Einrichtung der Trienala Ladina abgelagert hat, die dem Museum nach jeder Auflage die bedeutendsten unter den jeweils gezeigten Werken vermacht, ist ein Querschnitt der zeitgenössischen ladinischen Schaffenskunst. Wie die zahlreichen Sammelausstellungen der letzten Jahrzehnte zeigen und wie der internationale Erfolg der wichtigsten Vertreter der “Ladinischen Schule” bestätigt, gehört die künstlerische Produktion in den ladinischen Tälern rund um die Sellagruppe zu den interessantesten und lebhaftesten in Europa. Woher diese Flut von unglaublicher Qualität entspringt, die Jahrhunderte alte Traditionen (von der Holzschnitzerei abwärts) aufliest, neu erfindet und integriert, und zwar mit lyrischen und internationalen Anklängen, die dem aktuellen experimentellen Geschehen rund um die Welt entsprechen, lässt sich unmöglich sagen. Wir wagen eine Hypothese, die kein anthropologisches Postulat sein will, sondern eine literarische Intuition: Es ist eine Tatsache, dass die ladinische Sprache eine beschränkte Anzahl von Lemmata zur Verfügung hat, um Gefühle und Gefühlszustände zu beschreiben. Vielleicht reagieren die ladinischen Künstler unbewusst auf diesen Mangel und versuchen mit ihrem Schaffen, die Grenzen des Wortschatzes zu erweitern und das breitestmögliche Spektrum an Gefühlen zu vermitteln. Die hier ausgestellte Auswahl bestätigt dies: Jeder Künstler scheint – mit seinen Stilmitteln und seiner schöpferischen Suche entsprechend – seine freie Interpretation eines Gefühlszustandes anbieten zu wollen, eines inneren Motors, einer greifbaren Manifestation des Immateriellen schlechthin: Freude, Trauer, Hass, Sorge, Fröhlichkeit, positives Denken, Beklemmung, Gleichgültigkeit, Mutlosigkeit, Desillusion, Begeisterung, Entschlossenheit. Ein Chor, aus dem Solostimmen hervorstechen, der aber gleichzeitig eine Grundmelodie erkennen lässt. Die Skulpturen überwiegen, und wie könnte es auch anders sein, denn diese Sammlung geht auf ein Gebiet zurück, das die blühendste Holzschnitzkunst Europas hervorgebracht hat: Aron Demetz, Willy Verginer, Walter Moroder und Peter Demetz gehören zu den bedeutendsten Vertretern dieser Technik, die sie von ihren Vätern und Großvätern geerbt haben. Sie haben es verstanden, die Holzschnitzkunst zutiefst zu erneuern, sie haben sie nach den Erfordernissen unserer Zeit dekliniert, so dass sie heute mit Fug und Recht wieder zur zeitgenössischen Kunst gezählt werden darf. Der Erforschung der menschlichen Figur haben sie sich voll und ganz verschrieben. Dabei geht es ihnen nicht um eine idealisierte Vision des menschlichen Körpers, sondern um eine freie Verzeichnung der Flut von Erfahrungen, Emotionen und Situationen, denen wir alle (üblicherweise und außergewöhnlicherweise) im Alltagsleben ausgesetzt sind. Lois Anvidalfarei und Franz Kehrer bevorzugen den Bronzeguss, widmen aber ebenso einen wichtigen Teil ihrer plastischen Arbeit dem menschlichen Körper in seiner Dimension als Tempel des Geistes einerseits und Schauplatz von Gefühlskonflikten andererseits. Die hyperrealistische Malerei von Gabriele Grones erreicht ein derart hohes Niveau von Introspektion, dass dem Betrachter zutiefst bange wird, so als ob er vor einem Spiegel stünde, der ihn nackt zeigt. Barbara Tavella isoliert die menschliche Figur in einer unbestimmten Atmosphäre, die an den Mutterschoß erinnert. Claus Vittur wiederum arbeitet in absentia und konzentriert sich auf das Wegnehmen. Die menschliche Figur wird aus einer anthropischen, trostlos leeren und kahlen Umgebung (einem Zimmer) heraus beschworen, die eben gerade ihre Abwesenheit unterstreicht. Der Parcours endet mit Flurina Badel. Ihre Werke, die die Liebe preisen und gleichzeitig belächeln, gehören dem Bereich zwischen Kunsthandwerk und Kunst, zwischen Sprache und Zeichnung, zwischen Wort und Körper an.
(Text: Gabriele Lorenzoni)